Doro Wiebe
"Im System"

( 2007 R. Brockhaus / 'Buchhandel';
online )
»Trockene Schwämme können nicht unterscheiden zwischen sauberem und schmutzigem Wasser.« (Seite 8)
Wahnsinn mit System – aber ohne Wahrheit

Renata Sander ist glückselig. Kaum aus dem Studium, hat sie unverhofft ihren Traumjob erhalten. Ein Volontariat beim neugegründeten Nachrichten-Unternehmen "Weltkurier". »Jetzt sind Sie eine von uns, Renata«, hatte sie ihr neuer Chef willkommen geheissen. Und der WG-Kollege prophezeite gar: »Du wirst in diesem Job deine Bestimmung finden.« Und so startet sie erwartungsvoll in einen neuen Lebensabschnitt, fest entschlossen, es recht zu machen. Anfangs sieht alles brillant aus: Erfolg und Anerkennung regnen auf sie nieder, sie wird im Team geschätzt und verliebt sich in einen Mitarbeiter. Alles ist toll und überwältigend! Endlich scheint sie ihren Platz gefunden zu haben ... Doch hinter dem scheinbaren Aufschwung lauert der Wahnsinn. Denn wer mitziehen will, hat sich strikt an die Firmen-Regel zu halten, niemals Rot und Blau zu kombinieren. Bald ordnet Renata alles diesem Gebot unter, denn die Weltharmonie scheint nur noch nach diesem Prinzip zu funktionieren. Und so entfaltet sie einen erstaunlichen, ja unheimlichen Kampfgeist, um ihre neu gefundene Wahrheit in ihrem Umfeld durchzusetzen ...
"Im System" ist ein fesselnder, dialog- und temporeicher Roman, flüssig und flott geschrieben. Doro Wiebe, bekannt geworden als Radio- und TV-Moderatorin, versetzt ihre Romanfigur Renata in ein plastisch geschildertes Umfeld. Der neue Arbeitgeber, die Mutter, der Bruder, die WG-Genossen, die beste Freundin ... Sie alle nehmen vor dem Leserauge Gestalt an, ohne dass die Autorin zu viele Worte (und damit Erzähltempo) verliert. Fast durchwegs konnte ich mir die Geschichte wie in einem Film vorstellen. Die Dialoge sind spritzig und aus dem Leben gegriffen. Sehr schön zum Beispiel die skizzierte Freundschaft mit Sara und umso beklemmender, wie die jahrelange Vertrautheit vergiftet wird. Tragisch auch, wie selbst Renatas netteste Geste bald nur noch Strategie ist. Die "System-Gerechtigkeit" wächst, die Liebe droht dagegen auf der Strecke zu bleiben.
Sehnsuchts-Fallen

Renata selber schildert aus der Rückschau, wie sie das System des "Weltkuriers" erlebte bzw. überlebte. Wir sehen also alles durch ihre Augen. Trotzdem wächst die Distanz zwischen ihr und uns Lesern, je stärker sich der Showdown abzeichnet. Vielleicht hätte man hier die eine oder andere ihrer Andeutungen weglassen können, um den erstaunlichen Dreh (in der Buchmitte) nicht zu früh preiszugeben. Unsere Neugier hat die Erzählerin ja längst gefesselt. Es interessiert uns brennend, was in Renata vorgeht, denn die meisten von uns erkennen wohl ein Teil von sich in dieser Figur. Es lässt sich oft einfacher nach Formeln leben, wenn wir uns von zu vielen Fragen bedrängt fühlen. Und wie der türkische Honig für Edmund in C. S. Lewis' "Chroniken von Narnia", so gibt es in jedem Leben Sehnsuchts-Fallen, die uns in die Arme jener treiben können, die am lautesten unser Glück versprechen. Bei der unsicheren, schüchternen Renata ist es der Wunsch, Teil von etwas Großem zu sein und einen Sinn für ihr Leben zu sehen. Wie ein trockener Schwamm saugt sie jedes Lob, jedes Lächeln ihrer Verbündeten auf und ist bereit, alles für das System zu geben.
»Was geschieht mit der Psyche eines Menschen, der auf der Suche nach Halt und Sinn ist, wenn er mit festen Standpunkten anderer konfrontiert und gelockt wird, und seien diese noch so absurd?«, heisst es an einer Stelle. Die 27-jährige Autorin, selber gläubige Christin, unternimmt nichts Geringeres als den Versuch, das Wesen von fehlgeleitetem Fundamentalismus aufzuzeigen, sei er religiöser, politischer oder weltanschaulicher Natur [mehr dazu in unserem Interview]. Was spielt sich in einem Menschen ab, der seinen Horizont auf eine einfach überschaubare und darum scheinbar kontrollierbare Welt einengt? Der zunehmend den Kontakt zur Wirklichkeit in ihrer zugegeben verwirrenden Vielfalt verliert? Wo endet die Wahrheit und beginnen Rechthaberei und Selbsttäuschung? – Schonungslos zieht uns "Im System" in ein Szenario zunehmender Radikalität. Und es ist beunruhigend, wie schlüssig stellenweise Renatas wahnwitzige Gedankengänge scheinen. »Eigentlich müsste jeder vernünftig denkende Mensch meine Überzeugungen teilen«, meint sie ganz am Anfang ihres Berichts. Aber in Wahrheit ist es eine enorme Ausblend-Leistung, die sie da hinlegt und die Doro Wiebe beklemmend genau aufzeichnet.
Fazit: Ihr werdet das Buch verschlingen! Vom ersten Satz an heftet sich der Leser an Renatas Fersen und erlebt mit und an ihr die erschreckenden Wucherungen einer ungesunden Radikalität. Eine erschütternd-unterhaltsame Geschichte, die zum Nachdenken über das Zusammenspiel von Wahrheit und Liebe und über eigene Überzeugungen und Sehnsüchte zwingt.
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