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 U2
"how to dismantle an atombic bomb"

( 2004 Mercury, Interscope / 'Plattenläden'
)
in "amm (all my music)" Dezember 2004:
»vive le rock!

Mit neuem Album, neuem Hightech-Spielzeug und altem Sound begehen die
irischen Superstars ihr 25-jähriges Bandjubiläum.

Für einen 44-jährigen sieht er verdammt jung aus. Paul Hewson, den alle
nur Bono nennen, hat immer noch volles, schwarzes Haar und ist in guter
körperlicher Verfassung. Gleichzeitig nimmt er den Rockstar-Look aber
so ernst, dass er wie eine Parodie seiner selbst wirkt. Die schwarze Sonnenbrille
scheint wie angewachsen, der ungepflegte, stoppelige Dreitagebart ist
reine Masche und die Arbeitskleidung aus schwarzem Sakko, Cowboystiefeln
und Strohhut fast ein bisschen bad taste. Doch der vierfache Familienvater
fühlt sich wohl in seiner Haut. Viel wohler als in den 90ern, da U2
zwar nicht minder reich und berühmt, aber auch genauso orientierungslos
waren. Damals versuchten sie mit Electronica, Dance und Krautrock nicht
nur ihren eigenen Sound aufzufrischen, sondern den gesamten, globalen
Rock'n'Roll. Eine abenteuerliche Mission - aus heutiger Sicht aber eher
haltloser Größenwahn, für den sie sich in Grund und Boden schämen. "Du
kannst mir glauben, dass ich Alben wie 'Pop' oder den 'Passengers'-Soundtrack
schon lange nicht mehr gehört habe – und wahrscheinlich auch nie wieder
werde", so der Mann, der einst aus einer hydraulischen Zitrone
sprang. "Das Teil haben wir verschrottet – und mit
ihm die Erinnerung", lautet der kurze, knappe Kommentar. Weshalb
U2 seit dem Millennium auf einem neuen, alten Pfad wandeln. Sie besinnen
sich der Vitalität und Leidenschaft ihres Frühwerks mit Alben wie 'Boy',
'October' oder 'War', die hymnisch, energetisch und charismatisch waren.
Eben das Werk von vier beseelten jungen Männern, die dem verschlafenen,
kleinen Irland mit seinem religiösen Fundamentalismus, seinen starren
Traditionen und seiner Armut entkommen wollten. An diesen kämpferischen
Spirit knüpfen Gitarrist The Edge, Bassist Adam Clayton, Drummer Larry
Mullen und Bono zwei Dekaden später mit ihrem neuen, elften Album 'How
To Dismantle An Atomic Bomb' an. Mit kantigen Gitarren, sphärischem Breitwandsound,
aber auch Plattitüden wie: "Wir haben das beste
Album unserer Karriere gemacht. Ein Manifest des Rock'n'Roll" (Bono).
Was maßlos übertrieben und sachlich falsch ist. Denn wilde, laute, spontane
Rockalben verschlingen nicht vier Produzenten, 18 Monate Studio und mehrere
Millionen Dollar Kosten. Das Ganze ist eher ein solides, reifes und typisches
U2-Album. Eben ein guter, alter Bekannter, den man immer wieder gerne
trifft, dem man aber keine wirklich neuen Seiten mehr abgewinnt. Abgesehen
von der ersten Single "Vertigo" und dem Led Zep-artigen "Love And Peace
Or Else" lebt das Album in erster Linie von getragenem Midtempo und schwermütigen
Themen wie Liehe, Glauben und das Ableben von Bonos Vater Bob Hewson.
"Sein Tod war, als ob eine Bombe explodierte – und
ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte. Ich bin zwei Jahre davor
weggelaufen und habe mehr getrunken, als ich sollte." Was den mystischen
Albumtitel erklärt, und die vielen wehmütigen Momente. Da ist Bono plötzlich
der alternde Rockstar, der über das Irreale seines irdischen Seins und
die riesige Kluft zwischen Rockstardom und ganz gewöhnlichem Mensch sinniert.
"Ich bin nicht nur eine Person", sagt er
da. "Ich bin viele, unterschiedliche Bonos auf einmal.
Und ich hasse etliche davon." Nur nicht den cleveren Geschäftsmann,
der das Album in vier verschiedenen Formaten (Standard, mit Bonus-DVD,
48seitigem Buch und auf Vinyl) veröffentlicht und zudem mit einer gigantischen
Werbekampagne für den bandeigenen iPod koppelt. "Ich
weiß nicht mal, wie man so ein Ding bedient", gibt er zu. "Aber
meine Kinder finden es cool – und darauf kommt es an." «
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