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 Chris
Rice
"short term memories"

( 2004 Rocketown Records / Gerth
Medien )
Ein Troubadour voller Eindringlichkeit und Schalk

Und wäre er noch gänzlich unbekannt und hätte seine Lieder noch keine
Radiostation gespielt ... ich würde Euch die Musik des Songschreibers/Sängers
Chris Rice dennoch wärmstens empfehlen, weil
sie glaubwürdig und packend aus der Sicht eines Christen erzählt und von
bezaubernder Wärme ist. Unter seinen Kompositionen finden sich die zeitlosen
Hymnen "Hallelujahs" und "Untitled Hymn (Come To Jesus)", gefühlvolle
Balladen wie das poetische "Deep Enough To Dream" und "Home Tonight" sowie
rhythmisierte, jugendlich-verspielte Uptempo-Songs wie "Power Of A Moment"
und "The Other Side Of The Radio".
Standards und Neueinspielungen

Nun ist der sensible Troubadour mit der Gitarre durchaus kein Unbekannter
mehr, er hat vielmehr laut Statistik seines Labels Rocketown
Records seit seinem Einstieg vor sieben Jahren mit "Deep Enough To
Dream" (1997) bereits 11 Radio-Single-Hits gelandet und 1999 einen Dove
Award eingeheimst, über eine Million Scheiben verkauft und unter anderen
Michael W. Smith, Amy
Grant, Kathy Troccoli - sogar Kenneth
Cope aus der Mormonen-Musikszene - zu Interpretationen seiner Lieder inspiriert.
Und so erscheint bereits 2004 sein erstes Best-of-Album, sinnigerweise
mit "Short Term Memories" betitelt. Es umfasst 13 beliebte Hits, zwei
bis jetzt unveröffentlichte Aufnahmen und zwei Neueinspielungen: darunter
die "Untitled Hymn" in einer Akustik-Version nur mit Scott
Dentés Gitarrenbegleitung, die in ihrer Andacht und Einfachheit
an das feierliche "Give Me Jesus" von Fernando
Ortega erinnert. Ebenso zart arrangierte Chris Rice sein frühes, von
Kathy Troccoli 1995 bekannt gemachtes "Go Light Your World" für dieses
Album als Klavierballade. Auch wenn "Naïve", "Everything's OK" und "Hallelujahs"
sowie die zwei instrumentalen Living-Room-Sessions-Alben im Ringen um
eine möglichst bezeichnende Auswahl durch die Maschen fielen, scheint
mir die 17-Track-Kompilation eine sehr schöne Möglichkeit, das Schaffen
von Chris Rice kennen zu lernen. Sie wird besonders den Liebhabern von
gedankenvollem, solidem Folk-Pop in der Art von James Taylor, David
Wilcox, Fernando Ortega, ja auch von Rich
Mullins und Bruce Carroll gefallen.

Chris Rices Stil orientiert sich an traditionellen Glaubens- und sogenannten
Jugendliedern (einige der Songs entstanden für Freizeiten und Andachten),
greift in den Harmonien zuweilen auf den Siebziger-Jahre-Sound zurück
und lässt sich vom Modern Folk und von zeitgenössischem Radio-Pop beeinflussen.
Als Produzent zeichnet der langjährige Freund Monroe Jones mit seinem
Ideenreichtum verantwortlich (Executive Producer: Don Donahue), unterstützt
von der bewährten Nashviller Musikercrew. Die abwechslungsreichen Arrangements
und wohldosierten Klangeffekte, Schlagzeug und Nebenstimmen verfeinern,
variieren, verstärken die Geradlinigkeit der Lieder und den warmen, unangestrengten
Gesang.
Erdverbunden und himmelwärts leben

Chris Rice, der seit zwanzig Jahren stark in der Jugendarbeit engagiert
ist, versteht seine Lieder als Einladung zum Nach- und Umdenken. Sein
Anliegen, sich glaubwürdig mitzuteilen und vorzuleben, wie Theologie zu
Biographie wird, zeigt sich etwa in der bisher unveröffentlichten, mitreissenden
Live-Version von "Clumsy", einem Lied über die eigene Unvollkommenheit
- "My only hope is to fall on Jesus". Mit wenigen Versen gelingt es ihm,
an Kindheitserinnerungen, Alltagserfahrungen und Sehnsüchte der Zuhörer
anzuknüpfen: Gebete der fürsorglichen Eltern abends am Kinderbett ("Mama
Prays" von 1989, Neueinspielung); der Geruch von Kaffee am Morgen und
das ermutigende Gefühl, eine ganz neue Chance vor sich zu haben ("Smellin'
Coffee"). Und immer leitet der brillante Liedermacher zu seinem grossen
Thema über: Gottes Schöpfung als Abbild seiner Grösse, die zu Staunen
und Anbetung führt ("And Your Praise Goes On"). Gottes Liebe, die sich
in Jesus Christus offenbart ("Sometimes Love") und sich nach uns ausstreckt.
Lieder wie "Face Of Christ" über Randständige oder das innige "Life Means
So Much" darüber, wie wir unsere Lebenszeit nützen, sind als Aufruf an
die Zuhörer gedacht, liebevoll einladend, aus eigenen Erfahrungen des
Sängers schöpfend. »Alles, was wir auf diesem Planeten tun«,
schrieb Chris Rice anlässlich seines letzten Albums, "Run The Earth -
Watch The Sky" (2003), »müssen wir in einem grösseren Kontext
tun. Wir müssen uns als Teil eines grösseren Etwas sehen. Da ist ein Gott,
der uns liebt, der einbezogen ist und eines Tages zurückkommen und nach
uns sehen wird.«

Ähnlich, wie Rich Mullins ungewöhnliche Bilder in seinen Liedern wählte,
um die Aufmerksamkeit der Zuhörenden anzustacheln und ihnen Unmöglichkeiten,
falsche Gewissheiten oder Scheinlösungen plastisch vor Augen zu führen,
wählt auch Chris Rice in seinem packenden "Smell The Color 9" eine kryptische
Formel, um vom Glauben zu erzählen, der sich eben nicht fassen, beweisen,
fühlen lässt. Übermütig lautmalerisch schliesslich taucht der zweite Live-Song
des Albums, "Cartoons", in die Welt der Zeichenfiguren ein. Das in 10
Minuten hingeworfene "Ya-ba-da-ba-lluah!"-Lied wurde zum Erstaunen des
Erfinders zu einem begehrten Konzert-Renner; es wurde allerdings auch
von vielen falsch verstanden und überinterpretiert. Ich hätte anstelle
dieser etwas albernen Zugabe einen der oben erwähnten fehlenden Standards
vorgezogen.

Fazit: "Short Term Memories", das im Cover übrigens an das Débutalbum
anknüpft, präsentiert alles in allem einen feinen, abwechslungsreichen
Querschnitt aus Klassikern, frühen, weniger bekannten und neu eingespielten
Liedern von Chris Rice. Mich beeindrucken die lebensnah und zugleich unaufdringlich
dargelegte Glaubensbotschaft, sein Faible für zeitgenössische Hymnen und
sein musikalischer wie dichterischer Einfallsreichtum. Zu Recht zählen
einige dieser Lieder mittlerweile zu den modernen Inspirational Favorites.
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