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Scott Phillips - ''tightrope'' Scott Phillips
"tightrope"


   ( 2003 Independent / online )

»Angesichts von Gewissheit habe ich keinen Glauben nötig. Ohne Zweifel gäbe es ihn nicht. Ich gewöhne mich also am besten daran.« ("Should I")

Das Leben ist ein Balanceakt ... – ein Klischee? Nicht, wenn ihr Scott Phillips darüber singen hört! Er tut dies entwaffnend ehrlich, mit packenden Melodien, starken Bildern und vielen Fragen. Fragen, die manchmal nicht beantwortet werden, aber nie ins Leere gesprochen sind. Der Balanceakt auf dem Seil (= tightrope), der auf seinem zweiten Album abgebildet ist, zieht sich durch alle 13 Songs. Oft ist von Wendepunkten und Veränderung die Rede ("The World Disappeared"), aber auch von anstehenden Entscheidungen ("Do I Dare") und Versagen, von fehlgeschlagenen Beziehungen ("Don't Miss You"). Der singende Seiltänzer erweckt keineswegs den Eindruck, er sei am Ende seines Trainings angelangt und bewege sich fehlerfrei zwischen Himmel und Erde: »Ich zweifle immer noch, suche, falle, verletze. Doch bis dieses brechende Herz aufhört zu schlagen, werdet ihr mich immer noch glaubend antreffen ... Wie kommt ihr denn auf die Idee, ich sei besser als das? Versuchung und Kummer fragen doch nicht danach, wer du bist.« ("Still Believing")

Mit solchen Bekenntnissen entschlüsselt Scott Phillips Begriffe wie Vergebung, Gnade und Liebe, die uns oft so abstrakt dünken. Seine Lieder beschreiben, wie das Christsein, das Menschsein überhaupt mit Versagen und Unvollkommenheit verbunden ist. Gerade darum haben wir Jesus Christus nötig: »Bis ich Vollkommenheit erlangt habe, ist Vergebung mein einziger Weg, um die Sache wieder einzurenken« ("Everything's All Right"). Indem er seine Zuhörer in sein Herz blicken lässt, fordert er sie auf, Theorie in Leben umzusetzen, statt geduldig vor der Tür draussen zu warten oder nach einem "fake revival" knapp daneben mitzulaufen ("A Matter of the Heart"). Gottes Liebe und Gnade sind frei, können nicht verdient werden – auch das eine Lektion ("Just Because"), die auf dem wackeligen Seiltanz immer wieder neu beherzigt werden muss. »Es ist wie Seiltanzen, Herr. Und es ist schwierig, hier mit Dir das Gleichgewicht zu halten. Aber dann höre ich, dass das, was wirklich ist, nicht davon abhängt, wie ich fühle. Deine Liebe ist beständig. Egal, wie meine Stimmung gerade schwingt.« ("I Should")

Während auf "Love and the Like" (2005) nur Scott Phillips' wendige Stimme, Gitarre und Klavier eine eindringliche Live-Stimmung schaffen, packte hier unter der Regie von Joe Mazza (Hollie Brian) – der sich übrigens im Tausch gegen einen alten 1965er VW Käfer zur Produktion überreden liess – eine 5-Mann-Combo samt Background-Sängerin mit an. Entstanden ist ein abwechslungsreicher, vibrierend dichter Sound: Alt-Country Rock mit viel Gitarre, Roots-Rock, nachdenklicher Folk-Pop à la Michael Card, Starkstrom-Pop mit verschlungenen, manchmal etwas formelhaften Loops, Abstecher in Electro-Jazz ... Da gibt es keine Ausflüchte mehr, wenn der Sänger in "Only One" mit knallharten Worten Götzendienst, Werkgerechtigkeit und ein Christentum nur dem Namen nach zurückweist und stattdessen auf zwei Worte wartet: "Vergib mir!" Treffend, wie er Hartherzigkeit und Selbstsucht aufdeckt ("When The Tables Turn"), nachdem wir im energischen "You Came Around" eben noch Barmherzigkeit gesehen haben. Einer meiner Lieblingssongs ist "So You Would Know", das zu hell schimmernder Gitarre und schwelgerischen Keyboard-Klangströmen die Spuren Gottes in der Schöpfung beschreibt, die auch heute seine Existenz vor Augen führen.

Nachdem der Hidden Track mit einer schrägen Telefon-Jam-Session verklungen ist, ist man wirklich durchgeschüttelt und hellwach. Warum mogeln wir uns mit heissluftgefüllten Ballonen (siehe Albumcover!), mit selbstgebastelten religiösen Hilfen über das schmale Seil zwischen Himmel und Erde, zwischen Unsichtbarem und Sichtbarem, zwischen Wollen und Tun? Warum lassen wir uns nicht von Gottes Gnade und Liebe führen?

Fazit: Ein starkes Album für alle, die ihre Fragen zum Leben, zum Glauben, zum Versagen nicht unter dem Anschein von Perfektion begraben wollen. Scott Phillips erinnert in manchem an Bebo Norman, Matt Brouwer, Jennifer Knapp und auch Jill Phillips.


—Monica Seidler für CCM-Rezis, November 2005

Daten:
13 (+1) Titel / 57 Min.
Musikstil: Acoustic/Folk-Pop, Alt-Country Rock, Roots-Rock
Label(s): 2003 Scott Phillips, Spring Hill, USA / online
Website: http://www.scott-phillips.com  /  bei myspace  /  bei purevolume

Wo kaufen?:
bei Grassrootsmusic (USA) ...

weitere CDs – siehe Scott Phillips-Künstlerseite >>
 


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