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 Jinny Kim
"finding ophelia"

( 2006 Broken for Good Records / online )
»Wenn meine Ehrlichkeit über mich selber irgendwie der Seele einer andern Person Heilung bringen kann, weil sie erkennt, dass jemand sie echt verstehen kann, dann habe ich Grund, weiterhin diese Musik zu machen.« (Jinny Kim)
In der Sackgasse wie Ophelia, Rapunzel und Little Bo Peep

Wie ein dumpfes Pochen in den Schläfen, ein Rauschen und Flirren
im Kopf hört sich das psychedelische Intro zu "Crash" (#
1) an. Und tatsächlich zieht uns Jinny Kim mitten hinein in einen
Gefühls- und Gedankensturm. Zu atmosphärischem Indie-Rock (der
Einflüsse von Plumb, Aimee Mann, Fiona Apple und auch Jill
Phillips verrät) legt sie ihr Innerstes offen. Die Lieder der
25-jährigen Grafikdesignerin aus New Jersey hören sich wie spontane
Tagebucheinträge an, geschrieben in einer schwierigen Zeit. Ophelia,
die unglücklich Liebende in Shakespeares Theaterstück "Hamlet",
die im Wahnsinn stirbt, gilt ihr dabei als Symbolfigur: für die Tücken
der Liebe und eine naive Sicht auf diese unfaire Welt. "Sie bildet
sich ein, die Welt sei freundlich und sie sei gefeit gegen ihre Lügen.
In einer perfekten Welt kann sie frei sein. Aber eine perfekte Welt wird
es nie geben. Wenig Ahnung hatte sie, Ophelia", singt sie in
"Ophelia" (# 9), einer Art Requiem. Auch Rapunzel in ihrem Turm
und die Schäferin Bo Peep werden als Leidensgenossinnen angesprochen
(# 3 "Fall Scarlet").
Schönheit statt Asche

Das Album hat denn auch eine recht düstere Seite, spricht von Verzweiflung, Depression, Gefühlsverstrickungen, Zusammenbruch und verlorener Unschuld. Doch das ist nur die eine Seite. Ebenso mächtig singt eine andere Stimme mit: "Halte durch, sagtest du zu mir, denn ich lasse dich nie im Stich. Du weisst doch, dieses Leben ist zu kurz, also fang an zu glauben, dass ich es vollbringen kann und dass du aushalten kannst, was auch immer auf dich zukommt!" (# 4 "Hold On"). Das anspielungsreiche "Fall Scarlet" endet mit der eindringlichen Frage: "Willst du gesund werden? Du musst gesund werden, auch wenn du jetzt durch die Hölle gehst." Diese Stimme ruft hartnäckig ins Leben zurück und wirft ein neues Licht auf die herzzerreissenden Erlebnisse: Die Crash-Zeit entpuppt sich als Wachstums-Zeit. Jinny Kims Ophelia wird sich aus der Asche aufrappeln (# 6 "Beauty for Ashes") und einen Umgang mit vergangenen Wunden, Schuld und der realen Welt suchen.
Tschüss, Sünde! Willkommen, errettende Gnade!

Es geht nahe, Lied für Lied mitzuerleben, wie die Hoffnung auf einen
Neuanfang immer stärker wird, wie sich das singende Ich von Rückschlägen
(kämpferisch rockig: # 7 "Forgive") nicht entmutigen lässt
und bei Gott um Gnade bettelt (# 8 "Wire"). "Bitte hol
mich hier raus, denn ich mache mir nichts aus Unabhängigkeit, wenn
ich ohne dich verloren bin", ruft die Sängerin in "Please"
(# 10) Gott entgegen. Ihre Ophelia will sich an einer ewigen, treuen Liebe
verankern, um von ihren Ängsten und Verletzlichkeiten nicht fortgeschwemmt
zu werden. Das entspannte Schlusslied "Goodbye, Goodnight" (#
11) gibt den hartnäckigen Sünden und der früheren Blindheit
den Abschied und ergreift Gottes Gnade: "Tschüss, meine treue
Sünde! Nimm diese Ketten mit! Nimm meine errettende Gnade an!"
– Produzent Koo Chung und die Band kleiden diese entblössten Lyrics
in einen irgendwie grobkörnigen, aber mit stimmungsvollen Details
gespickten Rock-Sound. Abwechslungsreich, leidenschaftlich, kantig und
mit asiatischem Touch. Besonders hervorgehoben seien die schlichten, wirkungsvollen
Klavierparts (Jinny Kim & Ben Shive) sowie das gefühlvoll-intensive
Spiel von Violine und Cello in "Beauty for Ashes" und in der
zart-einfühlsamen Ballade "Ophelia".

Fazit: ein berührendes, zwischen zart und wuchtig schwankendes Debüt
mit einer eigenständigen Handschrift! Indem sie ihre spirituelle
Sehnsucht und ihre geistlichen Kämpfe in ehrliche Worte fasst, möchte
Jinny Kim andere Suchende und Verzweifelnde ansprechen und wie etwa der
geheilte Mann in Lukas 8, 39 auf ihren Retter aufmerksam machen. Um den
Hintersinn dieser Lieder ganz zu erfassen, ist ein genaues Hinhören
auf die englischen Texte unerlässlich!

Highlights: Fall Scarlet, Hold On, Everything, Ophelia.
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