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 Jaylene
Johnson
"not forgotten"

( 2000 'Independent'/Sweetree/MAPL
/ online )
Dieses Indie-Debütalbum ist für mich ein Juwel! Gerade
weil es keine durchtechnisierte High-Budget-Hochglanzscheibe ist, sondern
ein zartes, intimes Kunstwerk mit viel Live-Charakter. "Not Forgotten"
(2000) ist melancholischer als das in diesem Frühjahr erschienene zweite
Album der kanadischen Singer/Songwriter Jaylene
Johnson. Es ist verhaltener, innerlicher. Weniger poppig und extrovertiert
als zumindest die eine Hälfte von "Finding
Beautiful" (2004). Die 11 selbst geschriebenen Lieder, die die damals
27-jährige Musikerin auf Anregung und mit Hilfe von Produzent Lloyd Peterson
sowie einer Handvoll Musikern aufnahm, sind ein faszinierendes Gemisch
aus Folk, Pop, Jazz, Klassik und etwas Country. Es sind gesungene Gedichte
über Hoffnung, Verwandlung und Heilung mit einem hohen künstlerischen
Anspruch.
Wenn sich der Vogel aus dem Käfig befreit

Jaylene Johnson versteht es, feinfühlig Geschichten von verletzten Seelen,
von der Sehnsucht nach Sinn und Erfüllung im Leben zu erzählen. Da ist
der verlorene Sohn, ausgebrannt und sehnsuchtsvoll wie vor seinem Aufbruch
von zu Hause ("Prodigal"). Da ist das allein gelassene schwangere Mädchen
(anrührend im 2002 ausgezeichneten Song "Daughter") oder das traurige,
verletzte "Little Girl", das sich nach Zuspruch und Annahme sehnt. Und
immer wieder spricht ein Ich, das sich in einer Welt voller Fragen und
Anforderungen zurechtzufinden sucht, das sich in einem zum Teil selbst
gebastelten Käfig von Unfreiheiten wiederfindet ("Bird In A Cage") und
sich ausstreckt nach einer Veränderung nicht nur seiner Umstände, nein,
auch seines Wesens und seines Denkens ("Untangle Me"). Manche werden sich
in diesen tagebuchartigen Gefühlsskizzen und Monologen wiederfinden. Dank
dieser Identifikationsmöglichkeit sind die Lieder bei aller Poesie so
zugänglich.

Auch wenn oft von Selbstzweifeln oder vom Gefühl der Überforderung die
Rede ist, so lenkt die Liedermacherin den Blick auf eine Erlösung, sie
erzählt von neuer Hoffnung und Zuversicht, von Annahme und Geborgenheit:
Da ist ein Freund, der durch Not und Schwierigkeiten mitgeht, hindurchträgt:
»Wird der Tag beschwerlich / und ist der Weg weit, / die Last
schwer, / haben die Vögel ihr Lied verloren, / dann muss ich daran erinnert
werden. / Wenn ich zu schwach bin zu stehen, / muss ich daran erinnert
werden: / Ich werde von starken und mächtigen Händen gehalten // Er sieht
mich, er hört mich, er kennt meine Bedürfnisse ... / Ich bin nicht vergessen«
(aus "Not Forgotten").

Dieser Freund heisst Jesus Christus, wie etwa in "Daughter" deutlich wird:
»Aber du bist gekommen und hast Hoffnung angeboten. / Du bist
gekommen und hast Leben geschenkt. / Du hast deinen Leib als ein lebendiges
Opfer hingegeben.« Im Licht seiner Gnade und Vergebung verwandelt
sich ein Sünder in ein Kind Gottes ("Light Of Grace"), eine Tochter der
Schande in eine Tochter der Gnade ("Daughter"). Jaylene Johnson singt
von einer Liebe, die uns aus sich selbst und nicht wegen uns annimmt und
liebt. Gottes Gnade und Liebe sind immer grösser als das, was sie überdecken
("Big Enough"), denn sie sind nicht von einem Wert abhängig, den sich
die Menschen gegenseitig zu- oder eben absprechen, und gründen sich nicht
auf Leistung, Schönheit, Reichtum, Begabung oder Sündlosigkeit. Der Eindruck
solcher Gnade führt auch zu einer neuen Sicht auf den Mitmenschen und
verdrängt Überheblichkeit und Herzenshärte: »Ich habe mich selbstsüchtig
benommen. / Es zerfrisst das Beste in mir. / Bitterkeit ist zerstörend.
/ Ich vergass den Tag, da mir Gnade erwiesen wurde. // Im Licht der Gnade
bist du schön / Im Licht der Gnade bist du besser als ich / Im Licht der
Gnade kann ich dich lieben ...« (aus "Light of Grace")
Jazzig-folkige Sängerin voller Zartheit

Jaylene Johnsons Gesang ist oft zart, fast gehaucht, atmosphärisch, samten.
In anderen Liedern wiederum fordernd, energisch, schriller, etwa im bluesigen
Eröffnungssong "Gotta Believe" und im souligen "Revelation". Es steckt
eine Prise Theatralik darin, wie sie in Jazz und klassischem Gesang wesentlich
ist. Ein Hineinversenken in die gesungene Botschaft. Ein Auskosten jedes
Tones: die Sprünge, die Pausen, das Nachdoppeln oder das Leiserwerden,
Verstummen und erneute Einsetzen (sehr nuanciert in "Please Be Home").
Als Begleitung dominiert das Klavier (Jaylene Johnson, Lloyd Peterson),
stützend und sehr schön mitgestaltend. Stimmungsvoll sind aber auch der
warme Cello-Part in "Daughter", die zerfliessenden Gitarrenklänge in "Not
Forgotten" und die verspielte Trompete in "Gotta Believe".

"Not Forgotten" gehört m. E. wie etwa "Past
The Wishing" von Sara Groves zu
jenen aus der Masse herausstechenden Erstlingsalben von christlichen Sängerinnen/Songwritern,
die - atmosphärisch dicht und poetisch, gedankenvoll und persönlich geprägt
- über das Musikerlebnis hinaus zum genauen Zuhören und Nachdenken über
Gott und sein Wirken in unserem Leben einladen. Das Album ist deshalb
auch bemerkens- und hörenswert, weil sich die Sängerin niemals aufplustert
und ins Rampenlicht stellt, sondern fast etwas verletzlich-zerbrechlich
offenlegt, was den Menschen und speziell eine junge Frau im Innersten
bewegt. Sie zeigt sich nie stärker, als sie ist, und wirkt gerade dadurch
glaubwürdig und echt. Und über allem scheint Jaylene Johnson den Zuhörern
zuzusprechen: Du bist nicht vergessen - ich habe es selber erfahren!
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