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 Matt
Brouwer
"unlearning"

( 2004 Independent / Black Shoe
Records )
"Was ist nur aus uns geworden?!"
(aus dem Lied "Unlearning")
Überzeugende Rückkehr in die Unabhängigkeit

Matt Brouwer wird nicht müde zu betonen,
dass jenseits des starversessenen CCM-Hype die Musik als Gabe Gottes verstanden
und als Werkzeug eingesetzt werden soll, dass die vielen (gesungenen)
Worte in praktischen Taten Gestalt finden müssen. Die scheinbaren Brüche
in seiner Karriere sind Ausdruck dieser bodenständigen Sicht: Der mittlerweile
28-jährige Kanadier, der mit Reunion Records 2001 sein viel beachtetes
und ausgezeichnetes Worship-Album "Imagerical"
herausbrachte, hat sich bewusst aus der vorgefertigten Box verabschiedet.
Er verliess sein Label und Nashville 2002 Richtung Texas, wo er sich seither
in der Woodlands United Methodist Church engagiert. In Houston, seiner
neuen Heimat, lernte er seine jetzigen Bandmitglieder John Stanley, Joe
Degelia und Russell Wedelich kennen. Ausserhalb des Rampenlichts wirkt
er zudem in missionarischen und evangelistischen Projekten mit. Dass die
Veröffentlichung seines zweiten Soloalbums immer wieder hinausgeschoben
wurde und MB von CMCentral bereits unter den vermissten Künstlern gelistet
wurde, hat nicht zuletzt mit diesem Befreiungs- und Reifungsprozess zu
tun.
Alt-Country Rock statt geschniegelter Pop

Nun ist das lange angekündigte, von Ian Christian Nickus und Matt Brouwer
produzierte 13-Track-Album "Unlearning" (dt. Umlernen, Verlernen) endlich
erhältlich. Die ersten 2000 Exemplare sogar mit einer Bonus-Live-DVD,
aufgenommen im Fox-Theater im kalifornischen Hanford. Erster Höreindruck:
wunderbar rootsig und gitarrenreich. Die bis auf eines wiederum selbst
geschriebenen Lieder sind nicht mehr so geschmeidig, überschwänglich und
trickreich arrangiert wie auf dem poppigen Erstling unter der Regie von
Eldon Winter, sondern rauer, folkiger. Neu ist ein starker Country-Einschlag.
Trotz rockigen Anflügen etwa in "You Are" herrschen langsame und mittlere
Tempi vor, die zu den nachdenklichen Texten passen. Der häufige Griff
in die Moll-Tonart lässt "Unlearning" insgesamt düsterer und verhaltener
ausfallen als "Imagerical", es wirkt auch reifer, ernsthafter, persönlicher
- wie es das autobiografische Lied "Sanity" bereits ankündigte.

Das rundum stimmige "Surrender" erinnert mit seinem Fluss, den Stimmungswechseln
und den mal sirrenden, mal kreisenden Gitarrenloops am stärksten zurück
an den Sound von Eldon Winter, doch zeigen die Bridges und ein rauerer,
ungeschliffener Gesang gleichzeitig den neuen MB. Frappant ist bei "Here
I Am Again", das er zusammen mit David M. Edwards
schrieb, wie unterschiedlich beide Sänger ihr Werk interpretieren: Edwards
wählte damals säuselnden, weich gezeichneten Pop, hier erklingt eine kantige,
energische, kurzatmige Version. Ein jazziger Bass verklärt gar das stimmungsvolle
"If You Stay". In "I Shall Believe", einem Hit von Sheryl Crow, steuert
Kendall Payne die Harmonien bei.
Auf dem Weg zurück zum Vaterhaus

Die Lyrics sprechen von Sehnsucht, Ängsten, Unsicherheit, aber auch von
Hoffnung. Wie die Interviews mit dem Sänger kreisen auch seine neuen Lieder
um Ehrlichkeit, praktischen Glauben, Tiefe und immer wieder Veränderung.
Der Titelsong "Unlearning" handelt davon, falsche Vorstellungen und Gewohnheiten
abzulegen, von Gott in einen reinen und besseren Menschen verwandelt zu
werden. Er gibt genau das wieder, was der sympathische Kanadier als seinen
Umlern-Prozess beschreibt: vom Highflyer zum Diener. Echte Gemeinschaft
und Austausch werden durch Schauspiel und Schaumschlägerei unmöglich.
Es ist Zeit zu geben, statt nur zu nehmen und zu erwarten ("Why Can't
We Be Honest"). »Ist da irgendjemand sonst, der auch nicht mehr
für sich selber leben will?«, ruft der Sänger im mitreissend-fetzigen
Eröffnungstrack "A Simple Plan".

"Unfamiliar", ein weiteres sehr starkes Stück, wendet sich an den Vater,
der bei einem Autounfall starb, als Matt Brouwer drei Jahre alt war; und
auch "Surrender" beschreibt das Gefühl, unvollständig und vaterlos zu
sein. Mit Ausnahme von "With Me and You" handeln sämtliche Lieder irgendwie
von der Suche nach dem (himmlischen) Vater, von der Umkehr "nach Hause"
und all dem, was als Hindernis im Weg steht - kurz: von unserer Unvollkommenheit
und der Vaterliebe Gottes. »Da ist mein Zuhause, wo Du bist.
Bin ich weit entfernt? Nimm mich zurück! Ich möchte dort sein, wo Du bist«,
singt er in "Home". "Redemption Hymn" schliesslich ist eine Kapitulation
vor Gottes Gnade, die Rückkehr des verlorenen Sohnes: »Ich bin
ein Sünder gewesen, habe mein Angesicht vor Dir verborgen. Und niemand
ausser Dir kann mich finden. Hier bin ich, nimm mich zurück.«

Fazit: Absolut Spitze! Ein reifes, feinfühliges und sehr persönliches
Indie-Album, das die Hörer in die Texte reinzieht. Musik, die bei jedem
Anhören besser und tiefer wird. Die Distanz von Nashville und die Verankerung
in der Gemeindearbeit haben Matt Brouwer eine spürbare künstlerische Freiheit
und gedankliche Tiefe gegeben. Wer Jars
of Clay und Alt-Country Rock / Folk-Rock mag, wird den Zugang zu diesem
Album möglicherweise leichter finden als Fans von geschniegeltem Worship-Pop.

Highlights: "Surrender", "Unfamiliar", "Why Can't We Be Honest", "Redemption
Hymn".
Mehr Infos im Exklusiv-Interview
mit Matt Brouwer ...
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